Der Druck auf die Türkei steigt

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10. August 2018
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Von Redaktion RISIKO MANAGER, Josh Zumbrun und Christopher Whittall

Die Türkei steckt tief in der Misere. Nach einem kreditgetriebenen Boom und einem kräftigen Inflationsschub verdeutlichen der Renditeanstieg und mehr noch der dramatische Absturz der Lira die Gefahren in dem Land für Investoren, urteilen Analysten der Berenberg Bank. Es stellt sich die Frage, inwiefern der Euroraum in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Dieser Effekt dürfte aber gering bleiben, glauben die Analysten. Selbst wenn die Exporte der Währungsgemeinschaft in die Türkei um 20 Prozent abstürzen sollten, wären die Folgen für das Wirtschaftswachstum auf 0,1 Prozentpunkte beschränkt.

Der Druck auf die Lira und die Anleiherenditen hatte sich angesichts der jüngst angekündigten US-Sanktionen verschärft. Zudem half auch das fehlende Problembewusstsein der türkischen Regierung nicht gerade. In den vergangenen zwölf Monaten wertete die Lira zum Euro um 33 Prozent ab. Die Kosten für Kreditausfallversicherungen (CDS) sind so hoch wie seit neun Jahren nicht mehr.

Die Türken könnten mit einem Ausgabenprogramm wie bereits im Jahr 2016 Rezessionsgefahren kontern. Doch aktuell sind die Finanzierungskosten sehr hoch und bereiten den türkischen Konzernen Kopfschmerzen. Sie haben sich nämlich vielfach in Auslandswährung verschuldet, obwohl ihre Umsätze in Lira anfallen. Aktuell können nicht einmal mehr Rezession und Schuldenkrise mitsamt Kapitalverkehrskontrollen sowie einem Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgeschlossen werden. Den Türken bleiben immer weniger Spielräume.

In der Türkei sind Wirtschaftskrisen keine Seltenheit. So erlebte das Land in den vergangenen 20 Jahren gleich zwei tiefe Einbrüche. Im Jahr 2001 knickte die Wirtschaftsleistung um 6 Prozent ein. Damals stürzten dann im Schlepptau auch noch die Exporte der Eurozone an den Bosporus um 30 Prozent ab. Im Jahr 2009 verringerte sich die Wirtschaftsleistung als Folge der Finanzkrise um 5 Prozent.

Ansteckungsrisiken für Geldhäuser des Euroraums

Eine Wiederholung dieser Art bekämen auch Konzerne des Euroraums zu spüren. Die Analysten sehen die Unternehmen der Währungsgemeinschaft aber als gut genug aufgestellt an, um auf andere Märkte auszuweichen. Sobald eine mögliche Türkei-Krise ausgestanden sei, würden die Exporte auch schnell wieder anziehen. Im Jahr 2001 habe es nur zwei Jahre gedauert, bis die Ausfuhren wieder das Niveau von vor der Krise erreicht hätten.

Nicht von der Hand zu weisen sind aber Ansteckungsrisiken im Fall einer kompletten Bankenkrise in der Türkei. Geldhäuser der Eurozone habe umfangreiche Kredite am Bosporus ausstehen. Doch im Vergleich zur Eurokrise dürfte das nicht besonders stark ins Kontor schlagen. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind Spanien, Frankreich und Italien mit Forderungen in Höhe von 135 Mrd. Euro (zusammengenommen) besonders betroffen. Doch das macht auch nur 6 Prozent der offenen Positionen dieser Bankkonzerne an Schuldner im Euroraum aus. Der Schaden ließe sich in Grenzen halten.

Sorgen um Sicherheitsnetz des IWF

Angesichts des freien Falls der türkischen Lira sorgen sich Anleger um ein normalerweise feinmaschiges Sicherheitsnetz: die Rettungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF). Seit Anfang 2016 ist der IWF in 16 Ländern wegen ausufernder Schuldenlasten oder einbrechender Landeswährungen mit Finanzierungen eingesprungen. Erst jüngst war das mit dem 50 Mrd. US-Dollar schweren Rettungsprogramm für Argentinien der Fall.

Laut dem IWF hat die Türkei noch nicht um Hilfe nachgefragt und wird das vielleicht auch niemals machen. Doch allein die Gewissheit, dass der IWF im Notfall da ist, kann Währungen und Anleihen betroffener Länder stützen. Viele Anleger rechnen derzeit nicht damit, dass für die Türkei so etwas wie ein Sicherheitsnetz bereitsteht. Das wiederum erhöht den Druck auf eines der weltgrößten Schwellenländer.

Erdogans Macht über Geld- und Fiskalpolitik

Im Fall der Türkei sorgen sich die Anleger um den Einfluss Erdogans auf Geld- und Fiskalpolitik. Schließlich hatte er sich das Recht zur Ernennung des Zentralbankchefs gesichert und seinen Schwiegersohn zum Finanzminister gemacht. Investoren treibt Erdogans wachsende Macht immer mehr Sorgenfalten auf die Stirn. Der starke Mann der Türkei spricht sich für niedrigere Zinsen aus und könnte die Notenbank daran hindern, gegen die Inflation im Land vorzugehen, die im Juli bereits auf 15,85 Prozent hochschoss.

Laut Analysten betrachtet der IWF die Türkei vollkommen anders als Argentinien. So sicherte sich Argentiniens Präsident Mauricio Macri auch gerade deshalb ein schnelles und umfassendes Rettungsprogramm, da er glaubhaft dem Land wieder Disziplin verpassen will, bereits Sparprogramme umsetzte und gerade die Budget- sowie Leistungsbilanzdefizite des Landes unter Kontrolle bringt. 

Als Erdogan 2003 an die Macht kam, stand die Türkei seit zwei Jahren unter einem IWF-Rettungsprogramm, durch das sie milliardenhohe Dollarkredite im Gegenzug für strenge Ausgabendisziplin erhielt. Auch wenn der Rettungsplan der Türkei viel Rückenwind gebracht hat, reduzierte Erdogan konsequent die Rolle des Fonds und wollte allein für sich die Lorbeeren für den Wirtschaftsaufschwung des Landes einheimsen. Im Wahlkampf hatte Erdogan für eine von äußeren Einflüssen unabhängige Türkei geworben, so dass er laut Analysten kaum bereit sein dürfte, den IWF um Hilfe zu rufen. Zugleich hat die Türkei weltweit nicht nur Freunde, was ihr in den IWF-Gremien schadet. So belegten die USA die Türkei mit Sanktionen, nachdem Erdogan einen US-Pastor wegen Terrorismus-Verdachts inhaftieren ließ. Doch wenn sich die Situation in der Türkei dramatisch verschlechtert, bliebe ihr womöglich nur noch der IWF. Dafür gebe es aber immense politische Hindernisse, meint Investmentmanager Viktor Szabo von Aberdeen Standard Life. Aus diesem Grund ist die Lage für die Anleger umso besorgniserregender. (DJN) 

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